Sozial vs Digital

October 25, 2019

 

 

Was haben Algorithmen und pädagogische Fachkräfte gemeinsam?

 

Nichts! Daher muss man auch keine Angst haben, dass sie sich in die Quere kommen.

Algorithmen funktionieren nach einem festen Muster, sind standardisierte gleichbleibende Abläufe in der technologischen Verarbeitung von Daten. Pädagogische Fachkräfte sind EntscheiderInnen, die hoch flexibel und spontan reagieren, jede Situation genau beobachten und immer wieder neu einschätzen und entsprechend darauf reagieren.

Und weil beispielsweise HeilpädagogInnen, HeilerziehungspflegerInnen, ErzieherInnen und Jugend- und HeimerzieherInnen wissen, dass sie mit Algorithmen nicht gemeinsam haben, glauben sie, dass sie gar nichts damit zu tun haben, dass es sie nicht betrifft.

 

Alle diese pädagogischen Berufe haben etwas gemeinsam. Was könnte das sein? Richtig. Sie haben augenscheinlich nichts gemeinsam mit Algorithmen. Gemeinsam ist den pädagogischen Fachkräften ebenfalls die ausgeprägte Berufsidentität.

 

Die pädagogischen Fachkräfte wissen genau was ihre Superkraft ist: Sie arbeiten mit und für Menschen. Oder wie Tarzan reduziert sagen würde: „Ich – Mensch“ – „Du-Technik“. Eine Selbstverständlichkeit, die so selbstverständlich ist, dass sie uns manchmal gar nicht auffällt. Nicht verwunderlich, dass nahezu alle pädagogischen Fachkräfte, wenn man mit ihnen über Digitalisierung spricht, sagen: „diese Dokumentation!“ und „früher war alles besser!“. Die Technik stört die Arbeit mit dem Menschen und nimmt wertvolle Zeit in Anspruch, die dem Menschen für den gearbeitet wird, fehlt.

 

Als sich irgendwann mal jemand damit auseinandergesetzt hat digitale Datenverarbeitung und Speicherung im beruflichen Kontext von pädagogisch tätigen Personen einzusetzen ging es vor allem darum, die Arbeit zu erleichtern und Abläufe effektiver zu gestalten. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand sagte:

„Es ist langweilig, lass uns Pädagogen in die Revolte treiben!“ – „Okay, lass uns etwas ganz Gegensätzliches nehmen, etwas, das gar nichts mit denen zu tun hat!“

 

Jedenfalls wird extrem viel gejammert. Die technischen Ressourcen und Zugänge sind mangelhaft, die eingesetzten Programme komplex, statt intuitiv und die Fähigkeiten im Umgang werden vorausgesetzt, während tatsächlich viele Fachkräfte Schwierigkeiten haben. „Für eine Tabelle hole ich meinen Kollegen“ oder „da fahre ich den PC erst gar nicht hoch, andere können das sowieso schneller.“, sind Aussagen die deutlich machen: da ist weder Effektivität noch Arbeitserleichterung drin. Angesichts dieser Umstände und weiteren Faktoren, wie die ständige Belastung durch den Fachkräftemangel, gesetzliche Änderungen, fehlende Ressourcen an Wissen, Zeit und Finanzen, sowie zunehmende Verhaltensauffälligkeiten dank erschwerender Rahmenbedingungen, kommt es zu einem anhaltenden Stresserleben von Fachkräften im pädagogischen Bereich.

Stresskrank schleppen wir uns Tag für Tag in die Arbeit, geben unser Bestes und stecken uns gegenseitig an. Viele Organisationen des Sozialwesens sind in Folge dieser Entwicklung aktuell nicht resilient. Es gilt für Politik, Verbände und Organisationen die Rahmenbedingungen zu verändern und zu ermöglichen, dass bevorstehende Veränderungen handlungsfähig vollzogen werden können.

 

 

In instabilen Bedingungen können Anforderungen nicht zu einem adäquaten Output, einer Handlung führen (siehe Abbildung). Eine richtig schwierige Situation, wenn Veränderungserfordernisse vermehrt auftreten. Und so kommt es, dass in den pädagogischen Berufen die Notwendigkeit, sich mit dem Thema der Digitalisierung zu beschäftigen, wenig erkannt wird. Warum kommt die Autorin jetzt wieder mit ihren Algorithmen?

Daher: wir sind Teil eines Systems. Eine Gesellschaft, die sich bildet aus Einzelpersonen, Verbünden von Menschen, Organisationen, Bildungsinstitutionen, politischen Institutionen usw.

Wenn sich in der Gesamtgesellschaft etwas verändert, dann hat das Auswirkungen auf jedes der darin agierenden Teile.

 

 

 

Vielleicht kann man eine Zeit lang die Augen davor verschließen. Wie das Kind, das innerhalb einer Gruppe von weiteren Kindern einfach die Augen schließt und ruft „ich bin nicht da!“. Vielleicht kann man auch eine Zeit lang dagegen kämpfen. Wie das Kind, das sich morgens trotzig vor die Tür setzt und ruft „Nein! Ich ziehe diese Schuhe NICHT an!“, in dem festen Glauben, dass es nie wieder Schuhe tragen wird. Oder wir rennen davor weg und flüchten. Wie das Kind, das von der Mutter abgeholt werden soll, einfach davonläuft und die Fachkraft mit der Mutter ratlos zurücklässt. Warum verhält man sich so? Da sind wir uns alle ziemlich ähnlich. Weil wir Stress fühlen, den Sinn darin nicht entdecken können, die Ressourcen nicht dazu haben und überfordert sind, die Situation gegen unsere Selbstüberzeugung (und den Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit) geht oder weil wir, in den meisten der Fälle, einfach Angst haben.

 

 

Das Norm-Aktivitäts-Modell ist in Anlehnung an Hunecke et al. (vgl. 2012) in der obigen Abbildung auf Heilpädagogik im Kontext der Digitalisierung übertragen worden. Es lässt sich ebenso auf die grundständigen pädagogischen Berufe anwenden. Was passiert, wenn wir die Veränderungen, die auf uns zukommen nicht erkennen oder nicht erkennen wollen? Wir werden unserer Verantwortung gegenüber den KundInnen, KlientInnen, Menschen nicht nachkommen. Wir werden sie alleine damit lassen, dass Gefahren nicht eingeschätzt werden können, Begleitung und Beratung werden fehlen oder Bedarfe nicht gedeckt werden und digitale Teilhabe wird nicht ermöglicht.

 

Es liegt nahe, dass andere die Bedarfe decken (profitorientierte Unternehmen) und die Lücke schließen werden. Uber und AirBnB sind die besten Beispiele dafür, dass digitalisierte Angebote nicht zwingend aus der Branche entwickelt werden und auch nicht zwingend Personen aus der Branche dazu benötigt werden. Was heißt das für unsere pädagogischen Dienstleistungen? Vielleicht, dass es nicht besonders verantwortungsvoll ist Jane, statt Tarzan die Liane in die Hand zu drücken, sie eine flugfähige knüpfen zu lassen und zu sagen: „du weißt ja wie das geht.“ Möglicherweise wird die Qualität des Fluges eine andere sein, wenn Tarzan, der sich intensiv damit beschäftigt hat, eine stabile Liane zusammenknotet…

 

„Wahrnehmung verpflichtet zur Handlung“, hat Scharnweber in einem seiner Vorträge gesagt. Damit wollte er eigentlich ausdrücken, dass wir unsere Gefühle wahrnehmen und ernstnehmen lernen müssen, statt sie wegzudrücken. Wir – in helfenden Berufen besonders – müssen lernen, wieder uns selbst und unsere Bedürfnisse zu achten. Und genauso verhält es sich mit dem, was wir um uns herum wahrnehmen. Mit Missständen in unserem alltäglichen Arbeiten, mit  KollegInnen, die unwürdig mit KlientInnen umgehen, mit Eltern, die kritische Erziehungsmethoden anwenden, mit Chefs, die gegen ihre eigenen Mitarbeitenden agieren, mit Organisationen, die sich gesetzeswidrig verhalten oder eben auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen, die Auswirkungen auf unsere KundInnen und KlientInnen haben.

 

„Die Digitalisierung wirkt sich auf alle Bereiche aus“, sagt Kreidenweis (vgl. 2018), der sich intensiv mit Digitalisierung und sozialen Dienstleistungen auseinandersetzt. Augen zu machen, im Widerstand sein, weglaufen, das alles sind Strategien, die dazu dienen die Wahrnehmung wegzudrücken. Solange, bis es so nah an uns herangekommen ist, dass wir nichts anderes mehr tun können, als hinein oder heraus zu springen. Aber das ist anstrengend. Das wäre, wie wenn Jane einem in der letzten Sekunde die dürftige, instabile Liane in die Hand drückt, in der nächsten Sekunde einen in die Luft stürzt und hinter ruft „es geht los!“.

 

 

 

So viel Abenteuer muss nicht sein!

Was können wir tun, um dem ungewollten Adrenalinkick zu entkommen? Handeln! Und da reicht es eben nicht aus, wenn nur eine Person handelt. Neue Kompetenzen müssen erworben werden, Strukturen und Prozesse verändert, berufliche Identität überdacht, Bewährtes loslassen, die Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und neue Angebote entwickeln. Wächter und Pölzl (vgl. 2019) weisen darauf hin, wie wichtig es ist, dass sich dazu wirklich alle an einen Tisch setzen. Die haben es mehrfach ausprobiert und wissen wovon sie reden.

 

„Aber ich weiß doch noch gar nicht genau was da kommt.“, ist eine häufige Antwort auf die naive Vorstellung der Autorin nach vorne zu schauen und zukunftsorientiert zu handeln.

 

Nur, weil ich das Ziel nicht kenne, heißt es nicht, dass ich nicht gehe.

Durch ein Stehenbleiben entsteht kein Ziel.

 

Wie steht es mit Ihnen? Warten Sie ab, bis Ihnen jemand die Liane in die Hand drückt? Möchten Sie mitbestimmen, mitgestalten und Wege gehen oder zusehen, wie andere sie gehen und Sie lediglich darüber informieren?

 

In dem Sinne, würde ich mich freuen, wenn Sie – Fachkraft, Management, Organisation,… - sich innerhalb Ihrer Möglichkeiten empowern, lernen sich selbst eine Liane zu knüpfen, den Flug so schön wie möglich für sich und andere zu gestalten und es genießen können, dass Sie nicht genau wissen, was kommen wird.

 

 

Hier werden entsprechende Kompetenzen gelehrt: www.innovation-HPplus.com 

 

 

Mehr dazu:  im Interview

Literaturhinweise:

 

Hunecke, Marcel; Blöbaum, Anke; Matthies, Ellen; Höger, Rainer (2001): The norm-activation theory [online] https://www.researchgate.net/profile/Anke_Bloebaum/publication/258132521_Responsibility_and_Environment_Ecological_Norm_Orientation_and_External_Factors_in_the_Domain_of_Travel_Mode_Choice_Behavior/links/562f6c3f08ae4742240ace95/Responsibility-and-Environment-Ecological-Norm-Orientation-and-External-Factors-in-the-Domain-of-Travel-Mode-Choice-Behavior.pdf [26.07.2019].

 

 

Kreidenweis, Helmut: (Hrsg.) (2018): Sozialwirtschaft im digitalen Wandel. In: Digitaler Wandel in der Sozialwirtschaft. Grundlagen – Strategien – Praxis. Baden-Baden: Nomos Verlag. S. 11 – 27.

 

 

Pölzl, Alois, Wächter, Bettina (2019): Digitale (R) Evolution in sozialen Unternehmen. Praxis-Kompass für Sozialmanagement und Soziale Arbeit. Regensburg: Wallhalla Fachverlag

 

 

Scharnweber, Denys (04.08.2019): Liebe leben: So wirst du glücklich. [online] Seminar, Videomitschnitt. Köln: Gedanken tanken. [https://www.youtube.com/watch?v=9Rx74xMMmpg]

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